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Sportmedizin - Sport im Alter
Interview
Prof. Dr. med. Erich Lang
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Interview Prof. Dr. med. Erich Lang
Optimales Training zur Vorbeugung und
Linderung von Beschwerden
Interview mit Prof. Dr. med. Erich Lang,
Vorstand des Carl-Korth-Institutes in
Erlangen
Medicus:
Welche Sportarten sind für ältere
Menschen besonders geeignet?
Prof.
Lang:
Der ideale Präventivsport für
den älteren Menschen ist der Ausdauersport.
Also Sportarten, bei denen im Training
große Muskelgruppen in einen dynamischen
Bewegungsablauf eingebunden sind, wie
beispielsweise Laufen, Radfahren oder
Skilanglauf. Solche Sportarten mindern
Kreislaufrisiken etwa indem sie hohen
Blutdruck senken, den Puls verlangsamen,
das HDL-Cholesterin steigern, das LDL-Cholesterin
senken und die Gerinnungsverhältnisse
des Blutes verbessern. Insgesamt kann
das Herz ökonomischer arbeiten,
und bei Stoffwechselerkrankungen wie
dem Diabetes mellitus unterstützt
es die Zuckereinstellung ganz erheblich.
Medicus:
Empfiehlt man heute nicht auch Kraftsport?
Prof.
Lang:
Ja, das stimmt. Lange Zeit hat man geglaubt,
dass Kraftsportarten für ältere
Menschen nicht geeignet seien. Wir wissen
aber, dass gerade Senioren von einer
Muskelkraftsteigerung profitieren. Deshalb
empfiehlt man heute neben dem Ausdauertraining
ein moderates aber gezieltes Krafttraining.
Medicus:
Welche Auswirkungen hat die Steigerung
der Muskelkraft?
Prof.
Lang:
Bei älteren Menschen sind Stürze
ein großes Problem. Lange Zeit
ging man davon aus, dass diese vor allem
durch Herz-Kreislauf-Störungen,
die mit Schwindel verbunden sind, verursacht
würden. Heute weiß man aber,
dass es besonders dann zu Stürzen
kommt, wenn die Koordination der Muskeln
nicht schnell genug funktioniert oder
die Muskulatur zu schwach ist, um eine
sichere Stabilisierung zu ermöglichen.
Beides wird beim Krafttraining berücksichtigt.
Medicus:
Was weiß man über den Einfluss
auf die Knochendichte?
Prof.
Lang:
Man weiß inzwischen, dass nicht
nur Kalzium, Vitamin D und bei
der Frau Östrogene für
die Knochendichte eine wichtige Rolle
spielen. Auch Krafttraining kann heute
als wesentlicher Bestandteil bei der
Behandlung der Osteoporose gesehen werden.
Dabei hat sich gezeigt, dass vor allem
Zugkraft, die über die Muskulatur
und Sehnen auf die Knochensubstanz einwirkt,
einen positiven Effekt hat.
Medicus:
Was ist bei der Auswahl von Fitnessstudios
zu beachten?
Prof. Lang:
Grundsätzliche empfehle ich für
ältere Menschen Fitnessstudios
mit einer ärztlichen Überwachung.
Wichtig ist auf jeden Fall eine Bestandsaufnahme
zu Beginn des Trainings beim
Krafttraining besonders auch des Bewegungsapparates.
Davon abhängig sollte dann mit
einem speziell zusammengestellten Trainingsprogramm
mit niedriger Intensität begonnen
werden. Dasselbe gilt natürlich
auch für das Ausdauertraining.
Hier sollte anfangs ergometrisch überprüft
werden, wie hoch die Leistungsfähigkeit
etwa gemessen an der maximalen
Sauerstoffnahme ist und damit,
wie effektiv das Herz-Kreislauf-System
arbeitet. Gelegentliche Kontrollen während
des Trainingsaufbaus sind gerade bei
älteren Menschen enorm wichtig.
Denn auf der einen Seite dürfen
sie sich natürlich nicht überlasten,
auf der anderen Seite sollte die Intensität
aber so hoch sein, dass ein Trainingseffekt
messbar wird.
Medicus:
Ist eine Bestandsaufnahme für jede
Sportart notwendig?
Prof. Lang:
Über 35 Jahre sollte sich jeder,
der eine Sportart neu anfängt oder
nach längerer Pause wieder aufnimmt,
sportärztlich untersuchen lassen.
Neben der Anfangsuntersuchung empfehle
ich außerdem eine Überprüfung
sechs bis acht Wochen nach Trainingsbeginn.
Hierbei sollte das Trainingsprogramm
nötigenfalls auch korrigiert werden.
Medicus:
Wie viel Training ist für den älteren
Menschen wünschenswert?
Prof.
Lang:
Was das Ausdauertraining angeht, empfehle
ich meinen Patienten sich sieben Mal
wöchentlich jeweils 20 Minuten,
fünf Mal wöchentlich 30 Minuten
oder drei Mal wöchentlich 40 Minuten
zu bewegen. Beim Trainingsaufbau sind
kleinere, dafür aber häufigere
Bewegungseinheiten sinnvoll. Nach sechs
bis acht Wochen kann man längere
Sequenzen einbauen und dafür auch
mal ein paar Tage ausfallen lassen.
Medicus:
Gibt es eine optimale Pulsschlagzahl
beim Training?
Prof. Lang:
Heute weiß man, dass man gerade
bei älteren Menschen keine allgemeinen
Ratschläge über die genaue
Höhe der optimalen Pulsfrequenz
beim Ausdauertraining geben kann. Die
Empfehlungen basieren stattdessen auf
der ermittelten Leistungsfähigkeit
und sind individuell sehr unterschiedlich.
Medicus:
Gibt es Sportarten von denen man älteren
Menschen grundsätzlich abrät?
Prof.
Lang:
Ja, grundsätzlich alle Krafttrainingsarten,
die mit einer Pressatmung beziehungsweise
einer Aktivierung der Bauchmuskelpresse
einhergehen, Klimmzüge, Liegestützen
oder das Stemmen von Gewichten etwa.
Denn durch die Bauchmuskelpresse wird
der Druck im Brustkorb erhöht und
der Blutfluss von den Beinen und Armen
in den Brustkorb und damit ins Herz
reduziert. Als Reaktion verengen sich
die peripheren Gefäße. Dadurch
steigt letztlich der Blutdruck. Erfolgt
dann mit Beendigung der Pressatmung
plötzlich eine Entlastung, fließt
schnell sehr viel Blut in den Brustkorb
ein und es kommt neben der Druckbelastung
auch noch zu einer Volumenbelastung
des Herzens. Solche Kraftakte können
bei latent bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen
unter Umständen zu schwerwiegenden
Komplikationen führen.
Medicus:
Bei welchen Krafttrainingsarten ist
keine Pressatmung notwendig?
Prof.
Lang:
Generell setzt man beim dynamischen
Krafttraining mit mehr oder weniger
fließenden Bewegungen, beispielsweise
am Rudergerät, keine Pressatmung
ein.
Medicus:
Was sollte man beachten, wenn bereits
Vorerkrankungen beispielsweise
der Gelenke bestehen?
Prof.
Lang:
Bei Gelenkerkrankungen kann ein Ausdauertraining,
unterstützt von einem individuellen
Krafttraining, sehr sinnvoll sein. Das
Ausdauertraining würde ich entweder
auf dem Heimtrainer oder auf dem Fahrrad
empfehlen, weil das Körpergewicht
durch den Sattel abgefangen wird. Aber
auch Schwimmen ist ideal, weil es durch
den Auftrieb des Wassers zu einer Entlastung
des gesamten Bewegungsapparates kommt.
Wichtig ist allerdings, dass das Wasser
warm genug ist, weil sonst die entspannende
Wirkung des Wassers verloren geht.
Medicus:
Wie ist es bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Prof.
Lang:
Für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen
empfehlen wir Sportarten, die man selber
gut kontrollieren kann. Wenn man etwa
weiß, dass bis zu einer Pulsschlagzahl
von 120 keine messbaren Veränderungen
im EKG wie etwa Rhythmusstörungen
oder Durchblutungsstörungen der
Herzkranzgefässe auftreten, lässt
sich dann im Pulsbereich zwischen 110
und 120 Schlägen pro Minute gut
trainieren.
Medicus:
Reicht es für Hochdruck-Patienten,
sich an der Pulsschlagzahl zu orientieren?
Prof.
Lang:
Bei Patienten mit Bluthochdruck orientieren
wir uns eher am Blutdruck. Allerdings
vergleichen wir dann auch wieder, bis
zu welcher Pulsschlagzahl der Blutdruck
noch in einer akzeptablen Höhe
bleibt. Bei Patienten mit schwerer Hypertonie
ist es außerdem wichtig, dass
man zunächst schon vor der Aufnahme
des Trainings den Blutdruck mit Medikamenten
einstellt. Sinkt der Blutdruck nach
einigen Trainingswochen, kann man die
Dosierung eventuell wieder reduzieren.
Medicus:
Was weiß man über die Auswirkungen
von Sport auf Belastungshochdruck?
Prof.
Lang:
Der Belastungshochdruck wird mit zunehmender
Trainingswirkung auf jeden Fall gesenkt.
Unter Belastung bildet der Körper
vermehrt Adrenalin, was den Blutdruck
ansteigen lässt. Ausdauertraining
hat aber eine antiadrenerge Wirkung,
das heißt es senkt den aktuell
ansteigenden Adrenalinspiegel und damit
Spitzenwerte, die bei körperlicher
und psychischer Belastung entstehen
können.
Medicus:
Wie sollte das Training bei Herzinsuffizienz
aussehen?
Prof.
Lang:
Wir empfehlen heute sogar bei schwerer
Herzinsuffizienz, vorsichtig
unter ärztlicher Kontrolle
ein kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining
zu beginnen. Untersuchungen haben gezeigt,
dass das Herz weniger belastet wird,
wenn die Skelettmuskulatur betont in
das Training mit einbezogen wird.
Medicus:
Was ist bei Stoffwechselerkrankungen
zu beachten?
Prof.
Lang:
Gerade bei Patienten mit Diabetes mellitus
vom Typ II ist es ganz wichtig, körperliche
Aktivität in die Therapie mit einzubeziehen.
Vor allem bei übergewichtigen Diabetikern
spielt der Kalorienverbrauch eine wichtige
Rolle. Wir wissen, dass der Blutzucker
leichter einstellbar wird, wenn möglichst
viel Glukose durch Bewegung abgebaut
wird.
Medicus:
Was müssen insulinpflichtige Diabetiker
beachten?
Prof.
Lang:
Wichtig ist, die individuelle Insulin-
oder Antidiabetikadosis im Trainingsplan
zu berücksichtigen, weil sonst
die Gefahr besteht, dass der Patient
in eine Hypoglykämie kommt. Dazu
gibt es aber keine allgemeinen Empfehlungen.
Jeder muss im Grunde selber ausprobieren,
wie sein Blutzuckerspiegel auf die Ausdauerbelastung
reagiert und wie er zum Beispiel seine
Insulindosis daran anpassen muss. In
einem zweiten Schritt wäre es dann
wichtig, die Bewegung ganz regelmäßig
in Tagesablauf und Therapieplan einzubauen.
Medicus:
Welchen Effekt hat Sport auf die Psyche?
Prof.
Lang:
Für eine antidepressive Wirkung
muss es nicht zu einer Ausschüttung
von Endorphinen kommen wie etwa
bei einem Marathonlauf. Schon eine moderate
Belastung reicht. Wir wissen nämlich,
dass Ausdauertraining über seine
antiadrenerge Wirkung die Aktivität
des Sympathikus reduziert und damit
dem Erholungsnerv Vagus
mehr Spielraum gibt.
Medicus:
Können gesunde ältere Menschen
ohne weiteres auch an Wettkämpfen
wie einem Marathon- oder Volkslauf teilnehmen?
Prof.
Lang:
Grundsätzlich ist bei entsprechend
gut Trainierten dagegen nichts einzuwenden.
Bevor ein Gesundheitszeugnis ausgestellt
wird, sollte man sich aber vergewissern,
dass keine latente koronare Herzkrankheit
oder Herzinsuffizienz vorliegt.
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